| Petra Morsbach | |||||||
| Plötzlich ist es Abend | Roman, 1995 | ||||||
| Textauszug | Kapitel 189 Pascha
hat sich inzwischen so sehr an die Lüge gewöhnt, daß er
nicht mehr imstande ist, korrekt mitzuteilen, ob etwa draußen die
Sonne scheint. Glaubt er sich selbst? Einmal in einer Verhandlungspause,
als niemand es hören kann, zischt er Ljusja zu: "Und jetzt schau,
wie du das alles widerlegst!" Andererseits hat er selbst keinen Überblick
über die verschiedenen Varianten. Zunächst macht er auf alle
Zuschauer, Gutachter und Juristen einen hervorragenden Eindruck: Er ist
intelligent, gepflegt, schön, sehr gut gekleidet, raucht nicht und
trinkt nicht. Im Zeugenstand tritt er auf wie ein Redner. Er spricht straff,
mit wohlklingender Stimme, in der verhaltene Klage und männliche
Leidenschaft mitschwingen. "Aus Liebe habe ich sie bei mir aufgenommen.
Vor mir war sie dreimal verheiratet gewesen, und doch gab ich ihr eine
Chance. Sie kam mit dem Haushalt nicht zurecht: Die Kinder gingen in Lumpen,
sie selbst lief ins Kino. Sie klagte, das Geld reiche nicht. Ich brachte
ihr tausend Rubel die Woche. Das Geld reichte immer noch nicht. Ich brachte
ihr tausendfünfhundert die Woche. Rund um die Uhr war ich unterwegs,
um das Geld herbeizuschaffen. Wenn ich von einer Dienstreise heimkehrte,
fand ich sie halbnackt und volltrunken auf dem Diwan, und vor ihr kniet
ein Georgier und leckt ihr die Hüften. Ich gehe ins Bad - auch dort
ein fremder Mann, er duscht sich, wahrscheinlich von vorausgegangenen
Beschmutzungen..." |
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