Petra Morsbach    
    Plötzlich ist es Abend Roman, 1995
       
Textauszug   Kapitel 400

Dobrynin schreibt aus England: "Die Zehn Gebote sind im Grunde ein rein darwinistisches Manifest. Sie sollen das Fortbestehen des menschlichen Geschlechts sichern, und die größte Gefahr für die Menschheit war immer der Mensch selbst. Deshalb regeln die Zehn Gebote auch ausschließlich das Zusammenleben der Menschen. In dem Sinne, daß das Leben weitergeht. Weitergehen aber kann es nur durch Fortpflanzung. Der einzelne kann nicht überleben."
Dann wird der Brief immer komplizierter. "Warum schreibt er mir so was?" wendet sich Ljusja an Katja. "Er kann doch nicht ernsthaft glauben, daß ich das verstehe?" Katja erklärt ihr, daß dies ein fotokopierter Brief sei. Tatsächlich ist er mit der Maschine geschrieben und beginnt mit "Liebe Freunde". Im Westen sei das jetzt so üblich bei allgemeinen Mitteilungen, erklärt Katja, "spart Zeit und macht weniger Mühe". Nur die letzten Zeilen sind handgeschrieben. Merkurij läßt darin Pelageja Ilarionowna grüßen und fragt nach den Ausbildungserfolgen der Töchter.
"Gott ist schuld", heißt es weiter oben in einer der verständlicheren Passagen. "Hat Er nicht als erster Zwietracht gesät, indem er Abels Opfer annahm, das Kains aber verschmähte? Er hatte damals, in einer wirklich noch übersichtlichen Epoche, die Chance, gerecht zu sein, und hat sie demonstrativ nicht genutzt. Seitdem sind Dissonanz und Pein auf der Erde, und die armen Künstler bügeln es aus in ihren rührenden Versuchen, das heillose Durcheinander für ein paar Augenblicke zu harmonisieren."
Der maschinenschriftliche Teil endet folgendermaßen: "Und so betrachte ich die Irrwege der organischen Materie, die sich zum Menschen verknüpft hat. Kürzlich war ich in einer Sternwarte. Ich wollte einen Maßstab der wirklichen Verhältnisse zurückgewinnen, daran erinnert werden, daß unser Planetensystem nur ein milliardstel Teil eines Sonnensystems ist, welches wiederum nur eines von Milliarden Sonnensystemen ist. Natürlich weiß ich das alles seit meiner Schulzeit, doch diesmal prüfte ich es mit wacher, suchender Seele. Ich sah durch das Teleskop Millionen Lichtjahre entfernt pulsierende Sonnen; vor allem aber habe ich an den Wänden der Sternwarte die Aufnahmen unserer Planeten gesehen, bestechend scharf im korrekten Größenverhältnis nebeneinander abgebildet. Eigentlich hätte ich danach die Erde verachten müssen, und dafür war ich ja auch hingegangen. Statt dessen war ich nur gerührt, wie klein sie war. Klein sogar innerhalb unseres unbedeutenden Planetensystems, im Vergleich etwa zum mächtigen Jupiter und zum riesigen Saturn; lächerlich, eben ein Dreck- und Kohlenwasserstoffklumpen, der durch das All geschleudert wird! Und auf einmal tat es mir im Herzen leid um sie, um unsere unbegreiflich bezaubernde, blamierte, mißhandelte Erde, die durch das schwarze Nichts fliegt, eine blaue Glasmurmel von bestürzender Schönheit."

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