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Laurent
Ein Kapitel aus dem “Opernroman”. Der Konzertmeister
Laurent ist soeben im Streit von drei Orchesterkollegen geschieden, die
nicht mehr mit ihm Streichquartett spielen wollen.
Laurent ist achtunddreißig Jahre alt; schmächtig und bleich.
Ein strenges, asketisches Gesicht, schmale Lippen, dunkle, nach innen
gerichtete Augen.
Vor zwei Jahren hat ihn seine Frau verlassen, das war weniger schlimm.
Er registrierte es beinahe mit Andacht und stürzte sich anschließend
mit besonderer Wut in die Arbeit. Er kaufte in der Altstadt ein kleines
Anwesen, einen ehemaligen Handwerkshof, dessen Schmiede er zum Musikraum
ausbauen ließ. Er selbst nennt es die Garage. Dort übte er,
wenn er nicht im Theater war, fünf Stunden pro Tag. Dort spielten
sie auch Quartett. Dorthin kamen sie zunächst gern.
Und dort steht er jetzt allein.
Aufgewachsen ist er, der aus einer südfranzösischen Familie
stammt, in Paris. Sein Vater war Bankier, erfolgreich, wohlhabend und
so geschmackvoll, daß er in zweiter Ehe eine (angehende) Konzertgeigerin
heiratete - das jedenfalls wurde die Frau in der Legende der Familie.
Es gab Fotos von ihr aus ihrer Studienzeit: tief ausgeschnittenes Konzertkleid,
verträumter Blick, Geige, Blumen; sehr jung. Sie gab dem Haushalt
des Bankiers einen Akzent von Kultur und Geistigkeit; darauf beschränkten
sich ihre Aufgaben; als Laurent sie wahrzunehmen begann, war sie längst
tablettensüchtig. Immerhin hat sie dem vierjährigen Laurent
das Geigenspiel beigebracht, und zwar mit einer Leidenschaft, die ihm
später unwirklich erschien wie eine Vision. Als er zehn war, spielte
sie Duos mit ihm und sagte: "Die Musik muß man gnadenlos betreiben."
Das kam ihm damals schon vor wie ein Zitat - die Mutter war läppisch
geworden, was er übrigens früher an ihrem Spiel erkannte als
an ihrem Wesen.
Er selbst war gnadenlos. Und er war hochtalentiert. Hängt das zusammen?
Laurent hätte, nach dem Wunsch seines Vaters, Bankier werden sollen.
Aber sein Vater hat früh festgestellt, daß der Junge irgendwie
behindert sei. Er interessierte sich für nichts als das Violinspiel.
Seine Mutter holte ihm einen Lehrer ins Haus und zog immer die Jalousien
herunter, wenn geübt wurde. > |
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