Petra Morsbach    
    "Opernroman" Roman, 1998
       

Textprobe

  Der Lehrer, ein gescheiterter deutscher Konzertgeiger, war jähzornig und schlug dem kleinen Laurent die Noten auf den Kopf. Laurent wich nicht zurück, er erschrak mehr über seine Fehler als über die Strafe. Er hat sich, was das Geigenspiel anbetraf, nie einer Forderung entzogen. Der Meister (Monsieur le Maitre) sagte, wenn Laurent mit fünfundzwanzig die klassische Konzertliteratur nicht vorwärts und rückwärts drauf habe, könne er's vergessen, also verzichtete der Junge auf Parties, Discos, Sport und Strand. Dafür besuchte er jedes Konzert. Seltener ging er in die Oper. Als er zum ersten Mal Fidelio hörte, mit dreizehn, weinte er fast vor Erschütterung und Glück. Auch in den drei nächsten Vorstellungen kämpfte er mit den Tränen, und einmal sah ihn dabei eine gleichaltrige Cousine, die sagte: "Du bist wohl nicht ganz normal, wie?"
Beethoven ist für Laurent der Größte geblieben. Die Kontraste, der weite Entwurf, das Ringen um höchste Erkenntnisse: Wenn es geistige Musik gibt, dann diese. Jedes Mal, wenn Laurent Fidelio am Konzertmeisterpult spielt, wird er von einer Spannung ergriffen, die feiner und erregender ist als jede Begegnung mit einem anderen Komponisten. Die Handlung der Oper verwischt sich dann; im Orchestergraben erfährt er sie mehr harmonisch und physisch, aber nicht minder stark. Er braucht all seine Nerven, um sich nicht forttragen zu lassen, und bei manchen Wendungen ins piano zittert er am ganzen Leib.
Es gibt nur eine Steigerung: Das sind Beethovens Streichquartette. Sie sind der vollkommenste und edelste denkbare Entwurf. Ihn gemeinsam mit drei anderen Solisten klanglich zu realisieren, ist immer noch das Höchste, was Laurent sich vorstellen kann. Von einer Konzertgeiger-Karriere hat er nie geträumt. Ab seinem zwölften Lebensjahr studierte er Quartettpartituren. Weil er einsam war, spielte er mit sich selbst: zuerst nacheinander die beiden Violinstimmen, und manchmal lieh er sich eine Bratsche und spielte auch die.
Am Konservatorium zerstritt er sich nacheinander mit vier Quartetten. Bei der Rekonstruktion dieser Vorgänge entdeckte er bei sich soziale Mängel. Er formulierte schroff seine Schuld, aber er wußte keinen Ausweg; das wurde seine erste Krise. Auch mit der Musik klappte es nicht mehr wie früher: Er kämpfte mit technischen Problemen, Haltungsproblemen; er hätte sieben Stunden am Tag üben müssen anstatt wie bisher fünf, aber dafür fehlte ihm die Konzentration. Eigentlich fehlten ihm die Visionen. Oder er hatte die falschen Visionen. Die Cousine - die, die ihn schon immer nicht ganz normal gefunden hatte - machte ihn verrückt. >
 
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