Petra Morsbach    
    "Opernroman" Roman, 1998
       
Textprobe   Sie sagte, er stehe durchaus auf ihrer Favoritenliste, aber bloß auf Platz fünf. Sie zeigte ihm die Liste. Er quälte sich. Er kämpfte. Schließlich bestand er gut, aber nicht exzellent, die Abschlußprüfung. Und bekam die Cousine, weil die vier Kandidaten vor ihm weggefallen waren. Aber was für ein Aufwand! Statt Wachsen und Vollendung plötzlich das ganz normale Leben, Anstrengung, Verwirrung, falsche Versprechungen. Er stellte fest, er war, wie alle, nur einer von vielen. Das hört man nicht gern, nicht einmal von sich selbst. Aber bevor man sich grämen kann, muß man schon wieder handeln, sich ernähren, eine Stelle suchen. Und weil kein Quartett in Aussicht war, suchte er sich eine Stelle als Konzertmeister und wurde auf Anhieb in Neustadt engagiert. Die Cousine ging mit. Das ist vierzehn Jahre her.
Mit der ihm eigenen Disziplin wühlte er sich in die Orchesterarbeit. Zweiunddreißig Dienste im Monat, dazu schwere solistische Aufgaben. Laurent tat immer mehr als nötig. Er übte bis zum Umfallen. Er nahm vor jeder ersten Orchesterprobe die Stimmen der ersten Geigen mit nach Hause, um sie mit seinen Bogenstrichen zu bezeichnen. Manche ältere Kollegen teilten seine Ansicht nicht, sagten, sie hätten das schon immer anders gemacht, und er mußte seine Vorschläge sehr genau belegen. Weil er das konnte, gewann er Autorität und riß sie - manchmal - mit; aber nicht weit genug, und nicht oft genug. Er litt an ihrer Trägheit. Vor jeder großen Produktion gab es mindestens fünfzehn Orchesterproben, und die Kollegen waren der Meinung, bis zur Premiere renke sich schon noch alles ein. Laurent blieb für sich. Nie ging er, nachdem sie etwa miteinander die Götterdämmerung gewuchtet hatten, mit in die "Friedenseiche" ein Bier zischen. Er arbeitete und forderte. Manchmal legte er leidend die Stirn in waagerechte Falten und kniff die Augen wie unter Kopfschmerz zusammen. Das mochte die Streicher beeindrucken, aber manche Bläser, die solistisch nicht weniger gefordert sind und ebenso mit ihren Nerven kämpfen wie der Konzertmeister, fanden, er übertreibe.
Immerhin ist das Niveau des Orchesters etwas gestiegen, das hält sich Laurent zugute. Er nahm seinen Streichquartett-Traum wieder auf und traf auf Interesse bei den Kollegen. >
 
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