Petra Morsbach    
    "Opernroman" Roman, 1998
       

Textprobe

  Für seine Frau waren sie zu gering. Eines Tages zog sie aus - totenbleich, tiefe Ringe unter den Augen - mit der Erklärung, sie wolle nicht allein sterben. Er war betroffen. Es tat ihm leid, daß sie sterben mußte und keine Musik mehr hören konnte, und er warf sich vor, nicht genügend von ihr profitiert zu haben. Er schrieb mehrere Briefe und sprach ihr Mut zu - eigentlich sprach er ihn sich selbst zu -, und als ihre Nachrichten ausblieben, nahm er an, daß sie gestorben sei, und arbeitete mit schlechtem Gewissen noch härter an seiner Kunst. Dann schickte sie ihm ein Foto: Im Bikini, braungebrannt, geht sie mit einem hochgewachsenen Gigolo am Strand entlang, die Hüfte an seinen Schenkel geschmiegt, den Kopf unter seiner Achsel, die Arme um seine lange, schlanke Hüfte geschlungen; aus seinen nassen Locken tropft das Wasser auf ihr Gesicht, und sie strahlt vor Glück. Laurent hätte sich beinahe übergeben. Er entwickelte die Philosophie, daß Liebe für die Kunst gefährlich sei. Der Künstler muß schließlich Spannung erzeugen, und wo soll er sie erzeugen wenn nicht in sich selbst? In der Liebe aber, zumal der glücklichen, ist es ja so, daß man sich unablässig selbst ent-spannt.
Jetzt ist er allein, für den Absprung ist es zu spät, und voraussichtlich wird er den Rest seines Lebens in Neustadt am Rhein verbringen. Laurent, der Meister masochistisch radikaler Bilanz, überlegt: Musikalisch wird es hier kaum besser werden. Dafür bekommt er gewisse Freiheiten: Der GMD, mit seinem schlechten Klangempfinden, mischt sich in die Striche nicht ein. Das Konzertprogramm ist interessant durch die vielen modernen Stücke. Und schließlich: Wer sagt, daß der nächste GMD besser wird? Achtzig Prozent der Dirigenten sind Hochstapler, hat Laurent längst erkannt. An diesem akzeptiert er den starken Willen. Letztlich findet er, daß er die Interessen des Dirigenten vertreten müsse. Nur der Dirigent hat schließlich die volle Partiturkenntnis, die muß er vertreten, und wenn's schiefgeht, ist er selber schuld. Das ist nicht Laurents Sache. Laurent tut seine Pflicht.
Er habe ein Herz aus Granit, hat seine Frau einmal geschrieen. Er antwortete mit beißendem Lächeln, daß das wohl als Kompliment aufzufassen sei, denn wenn er sich nicht irre, werde Granit unter genügend Druck zum Diamanten gepreßt. Ein diamantenes Herz, das sei doch eine attraktive Option. "Kohle!" schluchzte sie; "Kohle, nicht Granit wird Diamant!" - Na gut, dann müsse eben seine kohlschwarze Seele für den Diamanten herhalten, spottete er.
Jetzt ist ihm der Spott vergangen. Was ist das Leben außer der Arbeit? Was ist sein Leben? Konzertmeister in Neustadt-am-Rhein, sagt er zu sich. Manchmal hat es sich nach mehr angefühlt, aber unter dem Strich ist es genau das.
 
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