Petra Morsbach    
    "Geschichte mit Pferden" Roman, 2001
       

Textprobe

 

Im Traum ging ich mit Hund Nelson durch ja, seltsamerweise durch Wien, wo ich in Wirklichkeit nie gewesen bin. Ein paar Feuerwehrmänner stellten sich uns in den Weg: "Mit Hund in einer fremden Stadt, das ist verboten!" Ich war sofort schuldbewußt. "Wir werden aber eine Ausnahme machen, wenn Sie uns einen Gefallen tun und mit dem Hund das Gebäude da durchsuchen!"
"In Ordnung", sagte ich. "Wonach sollen wir denn suchen?"
"Nach gebrochenen Versprechen", sagten sie.
Der Bau war anscheinend ein Krankenhaus, mit langen Gängen, die alle abwärts führten. Nelson und ich suchten einen nach dem anderen ab. Aus einem Zimmer traten drei Frauen. Eine sagte, sie müsse sich jetzt verabschieden, weil sie Krebs habe. Sie umarmte die anderen und dankte für ihre Hilfe, und dann wollte sie noch einmal fotografiert werden. Wir folgten ihr hinaus auf die nasse, warme Straße. Sie stellte sich in Positur für das Abschiedsfoto: breitbeinig über dem Mittelstreifen, mit erhobenen geballten Fäusten, sogar ihr Bizeps sprang hervor. Ich dachte, was heißt hier Krebs, die lebt doch noch ewig!, und damit wachte ich auf. Eine ganze Weile blieb ich liegen und dachte über den Traum nach. Ich war nicht sicher, ob er optimistisch oder melancholisch war. Als ich über die "gebrochenen Versprechen" rätselte, fiel mir noch ein: Eines haben Nelson und ich tatsächlich gefunden. Und zwar hing an einer Krankenzimmertür eine Tafel, auf der mit Kreide geschrieben stand: "Du hattest doch versprochen, mir die Wäsche zu waschen!"

 

 
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