Petra Morsbach    
    "Geschichte mit Pferden" Roman, 2001
       

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Alles ist wie vorher. Gesine beim Großen Wechsel an der Kasse, wie unter Drogen. Sie stopft sich das Geld unter die Weste, sie drängt den Gästen Kaffee und Kuchen auf, verteilt Arbeit an Mädchen, die eigentlich zu Besuch da sind, bestraft den neuen Bäcker, der am ersten Tag die Brötchen vergessen hat, damit, daß sie ab sofort von der Konkurrenz liefern läßt. Der alte Bäcker kam sogar extra nach Erlhof, um für seinen Nachfolger zu bitten: "Hei harr so veel und hett dat vergeten!", aber sie ließ sich nicht erweichen, jeder Zoll die Chefin, auch als ihr Mann sich einschaltete, blieb sie unerbittlich.

Aber ich hatte mit ihr einen schönen Zusammenstoß. Sie macht also wieder Kasse, und ich habe ein ordentliches Trinkgeld, das ein Gast mir gegeben hatte, durch vier geteilt und in vier Briefumschläge gesteckt, die ich zuklebte, beschriftete und in der Küche auf ein Bord stellte.
"WAS IST DAS?" fragte Gesine erregt.
"Trinkgeld", antwortete ich.
Sie erblaßte. "WAS SOLL DAS HEISSEN?"
"Es heißt, daß dieser Betrag uns als kleines Dankeschön übergeben wurde." Die Formulierung hatte ich mir, zugegeben, schon vorher überlegt. Der Tochter eines Schuldirektors würdig, ob Köchin oder nicht. "Ich konnte mir übrigens nicht versagen hochzurechnen," (mein Herz klopfte) "was durchschnittlich im Jahr bei Ihnen für uns eingegangen sein könnte -" Es waren gut fünfhundert Mark pro Person und Saison, hätte ich gern noch mitgeteilt, da schrie sie schon los: "SIE WAGEN ES, mir zu UNTERSTELLEN, daß ich das Geld BEHALTEN habe?"
"Ich sagte nur, daß niemand jemals Trinkgeld bekommen hat, solange Sie..."
Sie brüllte: "HEEEEMJÖÖÖÖ!"
Er kam.
"Hemjö, Frau Hassel sagt, ich habe..." und so weiter.
Er sah mich an, indigniert.
Ich wiederholte meinen letzten Satz.
Zu meiner Verblüffung kam es von ihm ganz leise: "Ich habe keine Kraft mehr, bitte, können wir ein andermal darüber reden?" Und zu ihr, leicht verärgert: "Komm jetzt, du mußt noch die Einkaufsliste machen."
Sie ging mit, drehte sich aber an der Schwelle noch einmal um und schrie: "Im übrigen habe ich das Trinkgeld immer ausgezahlt!"

Je mehr sie aufblüht, desto mickriger wird er. Wenn er mittags alleine ißt (sie muß oft einkaufen), bekommt er kaum seinen Teller leer. "Nicht mal den Kuchen hat er geschafft", flüsterte Inge mir heute erschüttert zu, als er sich in seine Mittagsstunde schleppte.
Gesine demütigt ihn. "Wieso nicht? Er ist es doch, der mich um jeden Preis behalten will!" spottet sie. >

 
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