Petra Morsbach    
    "Geschichte mit Pferden" Roman, 2001
       

Textprobe 2

 

Heute erzählt Inge, Crove habe sie gestern (Sonntag) zu Hause angerufen und "sofort" zu einem Lokal in der Nähe bestellt. Er sei verzweifelt. Zu Hause dicke Luft, er wisse nicht mehr weiter, vielleicht habe es wirklich keinen Zweck, seit sechs Jahren betrüge sie ihn permanent. "Er weiß alles", sagt Inge. "Weh tun ihm nur die Männergeschichten. Die Geldsachen will er sowieso nicht wahrhaben!"
Weiter habe er erzählt, daß er testamentarisch abgesichert sei. Er nannte Summen, schrieb Zahlenkolonnen auf Zettel und malte Pfeile in verschiedene Richtungen für die Berechnung der verschiedenen Fälle. Inge hörte zu, obwohl sie nichts verstand; sie ahnte, daß er einfach mit jemandem sprechen mußte, und wunderte sich auch nicht, als er den Zettel plötzlich zerknüllte und stöhnte: "Es wäre zwar lebensgefährlich, aber... die Hoffnung auf Frieden habe ich aufgegeben."
Inge atmet hart und flach, der Schweiß bricht ihr aus. "Er tut mir ja so leid!" stößt sie hervor, "Ich halte es kaum aus!"

Heute (Dienstag) ist sie wieder ganz gelassen. Sie tritt hinter mich an den Herd, tätschelt mir die Hüfte und flüstert: "Er ruft manchmal in seiner Mittagsstunde vom Bett aus an und bittet mich, sie rüberzuschicken!"
"Und sie kommt?"
"Oh, was meinst du, im Galopp! Sie tut das gern!"

Wieder hat der Chef Inge beim Abrechnen betrogen. Inge beschwert sich bei Gesine. "Wieso," sagt die, "du kennst ihn doch. Dabei mußt du dir wirklich nichts denken."
Croves brauchen Inge dringend und machen gleichzeitig ihre Späße mit ihr. Inge hat ein Handy geschenkt bekommen, damit sie jederzeit erreichbar ist. Sie hat immer mehr Büroarbeit übernommen, zum Beispiel verschickt sie selbst jetzt die angeforderten Prospekte, weil Gesine das so oft vergaß. Sie frankiert mit Briefmarken vom Schreibtisch des Chefs. Jessica empört sich darüber: "Schon wieder beklaust du uns!" Inge erzählt das beim Frühstück den Eltern Crove. Beide lächeln.
Zusammen sind sie eine Verbrecherbande, einzeln schütten sie Inge ihr Herz aus. Widersprüche auch sonst. Gesine zum Beispiel braucht Inges Bewunderung, andererseits ist Inge ihr lästig. Inge steht immer zur Verfügung und hört immer zu; aber sie schirmt Gesine auch vom Publikum ab. Der Weg zu Gesine führt über Inge. Das ärgert insbesondere die männlichen Gäste, die sich meistens, zumindest kurz, für Gesine interessieren. Gesine genießt das und sucht auch die Unterhaltung ("So ein interessanter Mann! Er richtet für ein amerikanisches Unternehmen Hotels ein! Was der alles weiß!" - oder: "Seine verstorbene Frau hat ihm 74 Wohnungen vermacht!"). Aber kaum sitzt sie mit ihnen am Tisch, tritt schon Inge dazu und paßt auf.
Will Inge die Ehe retten oder zerstören oder beides gleichzeitig: sie zerstören und unschuldig daran sein? Sie leidet und triumphiert bei jedem Ehekrach, schluchzt gelegentlich in der Küche auf und überliefert Minuten später voll Genugtuung die abfälligen Bemerkungen Croves über seine Frau. Was glaubt sie, was sie selbst Crove bedeutet? "Er hat außer mir niemanden!" erklärt sie andächtig. Crove erzählt ihr alles über seine neuen Umbaupläne. Über Gesine aber sagte er: "Sie hört ja nicht zu."

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