Petra Morsbach    
    Gottesdiener Roman, 2004
       
Häufige
Fragen

 

 

< Sie beschäftigen sich viel mit der Praxis, auch der Philosophie des Berufs. Unklar bleibt das spirituelle Fundament.
Isidor ist kein Schwärmer. Das entspricht meiner Temperamentslage. Aber genau deshalb weiß ich, daß er – ganz ohne Ekstasen, mit seiner Distanz und seiner Skepsis – im Grunde seiner Seele sicher ist. Die Grundfrage: Was haben wir in der Hand? stellt sich dem Gläubigen ebenso wie dem Künstler. Zum Beispiel bin ich überzeugt, daß es in der Kunst um Wahrheit gehe. In meinem neuen Buch „Warum Fräulein Laura freundlich ist“, untersuche ich diese Frage. Es beschreibt unter anderem, wie die Wahrheit – in meiner Auffassung „treffende Deutung“ – in der Sprache jedes Menschen erkennbar ist, sogar in der Sprache eines Menschen, der unbewußt oder vorsätzlich lügt. Für mich ist das so deutlich, daß ich es mit Händen zu greifen meine. Dennoch könnte ich dieses Wunder einem desinteressierten Menschen nie erklären oder gar beweisen: Die Buchstaben der gedruckten „Kunst“ fangen nicht etwa an rot zu leuchten. Sie setzen sich, schwarz auf weiß, aus genau denselben Buchstaben zusammen wie die der Schundromane. Ohne die Wahrheit beweisen zu können, widme ich ihr mein Leben. Das ist ziemlich schwer, riskant und bisweilen lächerlich – aber es ist genau das, was ich tun muß, eine sogenannte Berufung wohl. So sehe ich auch Isidor.

 
   
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