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DISTRA
Weit fort möchte ich fliehn,
die Nacht verbringen in der Wüste. [Sela]
(Ps 54,8)
Vor sieben Jahren fuhr Fannerl, die Tochter des Schreinermeisters Riedl,
eines späten Vormittags mit dem Mofa zur Post, um einen Brief einzuwerfen,
wurde von einem Auto erfaßt und starb in der Klinik den Hirntod.
Der erschütterte Vater willigte ein, Fannerls Organe für eine
Transplantation zur Verfügung zu stellen. Nur deswegen wurde eine
Blutprobe genommen, die einskommaacht Promille ergab. Wer vormittags mit
einskommaacht Promille auf dem Mofa zum Briefkasten fahren kann, war Alkoholiker.
Während Isidor am folgenden dunklen Märzsamstag im dichten Schneegestöber
die Grabpredigt hielt, stützten Freunde der Familie den vor Kummer
betrunkenen Vater. Viele Trauergäste weinten. Aller Augen glänzten.
Isidor sprach warmherzig über Fannerl, über die es nichts Schlechtes
zu sagen gab, freilich auch wenig Gutes. In der Kirche hatte er sie zuletzt
zur Firmung vor etwa fünfzehn Jahren gesehen. Er versuchte die Eltern
zu trösten. Aber die Eltern waren untröstlich, weil sie eigentlich
erwartet hatten, daß er Fannerl heiligsprach. Einen Zusammenhang
zwischen Unfall und Alkohol sah niemand. Die Mutter schluchzte, Fannerl
habe überhaupt nie getrunken, „höchstens ab und zu a Stamperl,
weng am Streß!”
Als sie vom Grab zum Wirtshaus gingen, fiel kaum noch Schnee, und die
Wolken hoben sich. Als Isidor sich später von der inzwischen torkelnden
Familie verabschiedete und aus dem Wirtshaus trat, blendete ihn die Sonne.
Es war drei Uhr! Er war nur auf eine halbe Stunde mitgegangen, und jetzt
war der Tag fast um!
Er mußte lachen. Lachend schlug er den Heimweg ein. Er war so sauber
beieinander, daß er dieselbe Abkürzung nahm wie sonst nur nachts
bei der Rückkehr aus dem Wirtshaus, im Schutz der Dunkelheit: Er
stieg über den schmiedeeisernen Zaun in den hinteren, noch gräberfreien
Teil des Friedhofs und stapfte durch den tiefen Schnee Richtung Pfarrhaus.
Er kicherte: „In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Vater
im Himmel, zu danken und dich mit der ganzen Schöpfung zu loben.”
Im kalten Schatten des Pfarrhauses blieb er stehen und blickte zurück,
um sich am Glitzern des flockigen Schnees im Sonnenlicht zu erfreuen.
Er sah die Sonne zur Hügelkuppe hinabgleiten und fragte sich, wie
lang er wohl vom Wirtshaus hierher gebraucht hatte: wieder war ein Stück
Zeit einfach verschwunden wie in einer unsichtbaren Kluft.>
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