Petra Morsbach    
    Gottesdiener Roman, 2004
       
Textprobe  

Dann sah er die sieben Lehrmädchen vom Steigenberger Hotel hinter der Hausecke hervortreten. Sie nahmen dieselbe Abkürzung wie er, nur in entgegengesetzter Richtung. Durch den tiefen Schnee gingen sie im Gänsemarsch, wobei jede in die Fußstapfen der vorigen trat; und alle trugen hochhackige Schuhe und balancierten mühsam, was komisch aussah. Er rief gutgelaunt: „Wo woits’n hi, Madln?” Im Alkohol stotterte er selten. Sie blieben stehen. Sieben junge Gesichter wandten sich ihm zu und wurden merklich blaß. Natürlich wußte er, wo sie hinwollten: Sie waren auf dem Weg zur Abendschicht im Steigenberger Hotel; und weil sich das Steigenberger Hotel seine Lehrmädchen von auswärts holt, seit der Wende meist aus Thüringen oder Sachsen, wohnten sie in einer Unterkunft auf der anderen Seite des Friedhofs. Er hätte jetzt mit ihnen schimpfen können oder sogar müssen, aber ihm war nicht danach. Er fand sie süß. Er hätte sich gern näher mit ihnen unterhalten. Mögts net neikemma auf a Stamperl? wollte er fragen und mußte beim Wort Stamperl innerlich so lachen, daß er sich an der Pfarrhauswand abstützte, um nicht in den Schnee zu fallen. „Geht’s doch vorn übern Weg naus”, sagte er dann immerhin vernünftig, „sonst kriegts ja nasse Füaß!” Sie antworteten nicht. Sie witterten immer noch, und auf einmal, nach einer Minute der Erstarrung, flohen sie alle gleichzeitig in hohen Sprüngen dorthin, woher sie gekommen waren. Isidor betrachtete die gestochen scharfen Trittlöcher der Mädchen und dann seine eigene zerwühlte Spur und fand beides unbändig komisch. Er ging ins Pfarrhaus, und schon bevor die Tür hinter ihm ins Schloß fiel, brüllte er vor Lachen: „Höchstens ab und zu a Stamperl, weng am Streß!” Er verlor beinah das Gleichgewicht, während er sich den Schnee vom Mantel klopfte, und stieß mit der Schulter an die Madonnenstatue im Treppenhaus. Er warf sich in den Ledersessel und schrie: „Sächsische Rehlein, hoho! Das ist würdig und recht!”
Als der Rausch nachließ, fühlte er sich erbärmlich. Den Leibhaftigen hätten sie nicht entsetzter anschauen können. Nachträglich sah er in den blassen Gesichtern die ganze Unwürdigkeit seiner Erscheinung gespiegelt: rote Nase, ungekämmt, schneebestäubt, wahrscheinlich schwankend, kichernd nach der Beerdigung einer jungen Frau. Er war hilflos, ruhelos, ratlos; er überlegte, wie lange er schon nicht mehr gebetet hatte, und suchte einige Minuten lang mit hängendem Kopf sein vor Jahren verlegtes Brevier, bis er auch das peinlich fand. Er faßte, gegen den Nebel in seinem Hirn ankämpfend, das fällige Gebet in die Form einer Privatenzyklika: „Mit brennender Scham bekenne ich – erkenne ich – hick!” Die Beine gaben unter ihm nach. Er murmelte: „Lieber Vater im Himmel, hoffentlich bin ich noch kein Alkoholiker.”
Es folgte das schlimmste Jahr seines Lebens. Er schloß einen Kompromiß: Keinen Schnaps mehr, und Wein erst nach acht. Sonntags nach dem Morgengottesdienst fiel ihm das am schwersten, weil schon der Schluck Meßwein ihn enthemmte. Er sammelte kleine Triumphe, indem er werktags das erste Glas um noch eine Stunde hinausschob, und freute sich dafür um so mehr auf dieses Glas.>

 
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