Petra Morsbach    
    Gottesdiener Roman, 2004
       
Textprobe  

Er wurde so fröhlich, daß er danach zum ersten Mal seit Fannerls Beerdigung wieder die Abkürzung über den Zaun nahm. Aber er bewegte sich ungeschickt und fiel gegen eine schmiedeeiserne Spitze. Am anderen Morgen spürte er ein Stechen in der Lunge und entdeckte blutige Hautabschürfungen und einen großen Bluterguß zwischen den Rippen. Übrigens hat sich das Geheimnis dieses Unfalls später geklärt: Der Nachbar Stiegl hatte im Wirtshaus in jedes der vier Schorlegläser heimlich einen Obstler gekippt. Aus Rache: Isidor hatte mit ihm geschimpft, weil Nachbar Stiegl wochenlang seinen Müll in Isidors Tonne entsorgt hatte. Stiegl stritt es ab, aber Isidor hatte in seinem Mülleimer einen an Stiegl adressierten Briefumschlag gefunden. „I hätt net dacht, daßd‘ ma draufkimmst!” hatte Stiegl grinsend geantwortet, und dann hat er sich in der beschriebenen Weise gerächt. Die Wirtin Dorle hat später bedauernd Isidor von dem Anschlag erzählt. Isidor wunderte sich überhaupt nicht, daß Dorle bei allem Mitgefühl nichts unternommen hatte, um Nachbar Stiegl zu hindern oder ihn, Isidor, zu warnen. Sie säuft schließlich auch. Isidor war selbst schuld, weil er sich die Blöße gab, aus Halblitergläsern Weinschorle zu trinken.Die Strafe war eine wochenlang schmerzende, schließlich eiternde Rippenfellentzündung. Eines Nachts um halb drei wachte Isidor mit Atemnot und Schüttelfrost auf. Er zog sich ächzend an und fuhr im Auto vierzig Kilometer weit hinunter zum Kreiskrankenhaus Deggendorf, weil es ihm peinlich war, sich Dr. Werfl zu offenbaren. In der Ambulanz befragte ihn ein völlig übermüdeter Assistent, und Isidor, zähneklappernd und vor Schmerzen stöhnend, genoß es auf merkwürdige Weise, befragt zu werden. Dann ließ er sich widerspruchslos von diesem Jungen, der halb so alt war wie er, auf die chirurgische Station einweisen. Um vier Uhr morgens lag er in einem Krankenhausbett, immer noch zitternd, was er lästig fand, aber auch irgendwie komisch, bis er den jungen Arzt auf dem Gang müde zur Schwester sagen hörte: „Und Hochwürden bringst noch a Distra!”
Das war der finale Schock: Distra-Tabletten gab man Alkoholikern, damit sie nicht ins Delirium fielen. Und Hochwürden, die inzwischen fast ausgestorbene Ehrenanrede, tauchte hier als Spottname wieder auf, um eine bestimmte Sorte von Alkoholikern zu klassifizieren: Isidors Sorte. Es war die denkbar schmerzhafteste Wortkombination. Bis auf die Knochen blamiert legte Isidor sein Distra neben das Glas und rechnete nach, was er in den letzten vier Wochen getrunken hatte. Dann überlegte er, was er in den diesen vorausgehenden vier Wochen getrunken hatte, und verglich die Ergebnisse unter verschiedenen Gesichtspunkten. Ebenso analysierte er das vergangene halbe Jahr und das Jahr davor. Er rechnete bis zum Morgen und kam zu dem Resultat, daß er noch nicht körperlich abhängig war. Er überlegte, was er für einen schönen Beruf haben könnte, wenn er das Fieber und das Stechen in der Brust los wäre. Am nächsten Tag war er zu benommen, um Alkohol zu trinken. Am übernächsten Tag beschloß er, nicht zu trinken, bis eine Lösung gefunden war. >

 
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