Petra Morsbach    
    Gottesdiener Roman, 2004
       
Textprobe  

Er wurde entlassen und besorgte sich die Adressen verschiedener Suchtkliniken. Er wollte im Sommer unauffällig eine Entziehungskur beginnen und überlegte, wie er das dem Ordinariat beibringen könne („Was, Isidor, du auch?”) und wer ihn in der Pfarrei vertreten könne. Er mied das Wirtshaus, um nicht animiert zu werden. Während er Möglichkeiten ins Auge faßte und verwarf, vergingen Wochen, ohne daß er trank. Einmal nach einer Sitzung mit dem Frauenbund schob ihm jemand ein Glas Wein zu mit der Bemerkung: „Jetzt is’ so weit!”, und er winkte ab, ohne zu kommentieren. Erst Tage später fiel ihm auf, wie überzeugend das gewesen war. Früher hätte er sich über diesen Satz wochenlang den Kopf zerbrochen. Er fühlte sich noch nicht erlöst, aber ungeheuer erleichtert und dankbar; als ob die Geißel der Sucht beiseite gelegt worden sei gnadenhalber, auf Widerruf. Er durfte das Geschenk nicht verspielen. Vorsichtig erprobte er sich in verschiedenen Situationen. Es hielt.
Exakt ein Jahr nach Fannerls Begräbnis ging er wieder zum Ochsenwirt essen, aus zwei Gründen: erstens, weil er den Eintopf, von dem er sich seit drei Tagen ernährte, nicht mehr herunterbrachte, und zweitens wegen der Symbolik des Datums.
Er wurde von den Wirtsleuten herzlich begrüßt und freute sich auch darüber, wies aber die Einladung zu einem Schnapserl mit schwacher Stimme wie ein Genesender zurück: Er müsse noch über seine Predigt nachdenken. Er setzte sich mit dem Rücken zur Wand an den einzigen freien Tisch und machte sich tatsächlich Notizen, während er auf seine Forelle wartete.
Unvermittelt überfiel ihn die Gier auf Alkohol. Er hatte sich überschätzt. Er musterte unruhig das fröhliche, schon gut aufgeladene Publikum und überlegte, ob er sofort gehen sollte. Wenigstens nahm niemand von ihm Notiz, das machte es leichter. Er beschloß, möglichst rasch zu essen, und bestellte, weil sein Mund so trocken war, noch ein Glas Mineralwasser. Als ein anderer Gast sich an seinen Tisch setzte, nickte er kurz und geistesabwesend, entschlossen, sich in kein Gespräch ziehen zu lassen.
Leider war der Tischnachbar kein Tourist, sondern Boderinger, genauer: ein Neuboderinger aus den Neuen Bundesländern, und er musterte Isidor mit unverhohlener Neugier. Offenbar wußte er, wer Isidor war, und natürlich wußte auch Isidor, wer der andere war, denn niemand bleibt unbesprochen in Bodering. Der Mann hieß Fritz Beneke, war vor der Wende irgendwas Besseres gewesen in der DDR und arbeitete seit zwei Jahren als Betriebsleiter und stellvertretender Geschäftsführer des „Boderinger Freizeitparks”. Er galt als Kauz, weil er immer mit Sandalen herumlief. Er sah auch kauzig aus mit seinen durch die Brille unterschiedlich stark vergrößerten Augen und dem S-förmig geschwungenen Mund. Seine Familie war in Thüringen geblieben, „koa Wunder”, sagten die Boderinger, „dös is a Damischer.” >

 
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