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Er wurde entlassen und besorgte sich die
Adressen verschiedener Suchtkliniken. Er wollte im Sommer unauffällig
eine Entziehungskur beginnen und überlegte, wie er das dem Ordinariat
beibringen könne („Was, Isidor, du auch?”) und wer ihn
in der Pfarrei vertreten könne. Er mied das Wirtshaus, um nicht animiert
zu werden. Während er Möglichkeiten ins Auge faßte und
verwarf, vergingen Wochen, ohne daß er trank. Einmal nach einer
Sitzung mit dem Frauenbund schob ihm jemand ein Glas Wein zu mit der Bemerkung:
„Jetzt is’ so weit!”, und er winkte ab, ohne zu kommentieren.
Erst Tage später fiel ihm auf, wie überzeugend das gewesen war.
Früher hätte er sich über diesen Satz wochenlang den Kopf
zerbrochen. Er fühlte sich noch nicht erlöst, aber ungeheuer
erleichtert und dankbar; als ob die Geißel der Sucht beiseite gelegt
worden sei gnadenhalber, auf Widerruf. Er durfte das Geschenk nicht verspielen.
Vorsichtig erprobte er sich in verschiedenen Situationen. Es hielt.
Exakt ein Jahr nach Fannerls Begräbnis ging er wieder zum Ochsenwirt
essen, aus zwei Gründen: erstens, weil er den Eintopf, von dem er
sich seit drei Tagen ernährte, nicht mehr herunterbrachte, und zweitens
wegen der Symbolik des Datums.
Er wurde von den Wirtsleuten herzlich begrüßt und freute sich
auch darüber, wies aber die Einladung zu einem Schnapserl mit schwacher
Stimme wie ein Genesender zurück: Er müsse noch über seine
Predigt nachdenken. Er setzte sich mit dem Rücken zur Wand an den
einzigen freien Tisch und machte sich tatsächlich Notizen, während
er auf seine Forelle wartete.
Unvermittelt überfiel ihn die Gier auf Alkohol. Er hatte sich überschätzt.
Er musterte unruhig das fröhliche, schon gut aufgeladene Publikum
und überlegte, ob er sofort gehen sollte. Wenigstens nahm niemand
von ihm Notiz, das machte es leichter. Er beschloß, möglichst
rasch zu essen, und bestellte, weil sein Mund so trocken war, noch ein
Glas Mineralwasser. Als ein anderer Gast sich an seinen Tisch setzte,
nickte er kurz und geistesabwesend, entschlossen, sich in kein Gespräch
ziehen zu lassen.
Leider war der Tischnachbar kein Tourist, sondern Boderinger, genauer:
ein Neuboderinger aus den Neuen Bundesländern, und er musterte Isidor
mit unverhohlener Neugier. Offenbar wußte er, wer Isidor war, und
natürlich wußte auch Isidor, wer der andere war, denn niemand
bleibt unbesprochen in Bodering. Der Mann hieß Fritz Beneke, war
vor der Wende irgendwas Besseres gewesen in der DDR und arbeitete seit
zwei Jahren als Betriebsleiter und stellvertretender Geschäftsführer
des „Boderinger Freizeitparks”. Er galt als Kauz, weil er
immer mit Sandalen herumlief. Er sah auch kauzig aus mit seinen durch
die Brille unterschiedlich stark vergrößerten Augen und dem
S-förmig geschwungenen Mund. Seine Familie war in Thüringen
geblieben, „koa Wunder”, sagten die Boderinger, „dös
is a Damischer.” > |
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