Petra Morsbach    
    Warum Fräulein Laura freundlich war
Über die Wahrheit des Erzählens

 

 

   

Essay
Piper Verlag

2006

       

Vorwort

 

 

Warum sagen wir vieles nicht so, wie wir wollen? Warum übertreiben oder verschweigen wir, gebrauchen vage Sätze, falsche Worte? Warum gilt das insbesondere für unsere Erzählungen? Warum überhaupt hat es eine solche Bedeutung, wie wir unsere Erlebnisse erzählen, obwohl wir doch scheinbar reden können, wie's uns paßt? Nehmen wir mehr wahr, als wir wahr haben möchten? Und, falls ja: Was zwingt uns, dieses „Mehr“ auch auszudrücken? Ist es die „Wahrheit“? Woher käme sie? Warum hat der Begriff eine solche Bedeutung für uns, und warum tun wir uns mit ihm so schwer?

Man kann das Wort "Wahrheit" auch vermeiden. Nach einem kaum widerlegbaren Diktum von Nietzsche gibt es keine Wahrheit, nur Interpretationen. Aber: Es gibt doch Interpretationen von sehr unterschiedlichem Wert. Worin besteht der Wert? Worin der Unterschied? Und, um hier versuchsweise die "Wahrheit" durch den Begriff „treffende Deutung“ zu ersetzen: Kann es also sein, daß unsere Sprache tatsächlich eine Tendenz zu dieser treffenden Deutung hat, womit ich mit „uns“ nicht nur Logiker und Philosophen meine, sondern auch Leute, die über Sprache noch nie nachgedacht haben, und sogar notorische Lügner?>

 
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